Essen und Sprechen

Das erste Projekt in dieser Reihe:

Essen und Sprechen oder Die konfuse Mitte

Die Übersetzung einer profanen Genuß-Stimmung in den spirituellen Habitus

Eine Veranstaltung des Gastraumprojektes „dreijahre“ Bremen (D) an der AcadémieGalan.

Denkwoche

"Denkwoche an der Académie Galan vom 25.05. bis 29.05.2009

"Essen und Sprechen"

Ein Treffen zu einer situationsabhängigen verkörperten ästhetischen Erfahrung: Kochen und Gastronomik als Teil der Ästhetik

„Meine Damen und Herren, bleiben sie sitzen, essen sie weiter. Hören sie sich aber an, was ich sage. Ja, es stimmt schon, sie merken nicht auf, wenn man ihnen Reden hält. Und doch werden ihnen täglich welche gehalten, tagelang, stundenlang. Im Radio, im Fernsehen, in der Kirche, auf Ausstellungseröffnungen, im Theater, im Kino, im Restaurant, bei Festessen. Denn solches Wort ist leicht verdaulich, und nichts angenehmer als eine Geschichte, die einem unversehens serviert wird. in vielen Gängen. Sie sind Stammgäste. Essen können sie schon. Lernen sie Hören. Lernen sie sprechen. Probieren auch sie es aus. Auch wenn sie nichts zu sagen haben. Denn ich sage ihnen, sie haben das Wort. Warum sollten sie nicht versuchen, sie alle, wie sie da sind, wie sie essen, ihre eigenen Gedanken zu formulieren: los, reden sie wie es gerade kommt. Verbreiten sie das gute Wort. Sie werden sich dann später einfach wieder in Galan treffen, so wie ich heute, und sie werden sich Geschichten erzählen. Egal, welche. Und sie werden sehen, wie die anderen sich um sie scharen und ihnen gierig zuhören - beim Essen. Sie könnten ihnen die schönsten Sachen erzählen, endlos …“

Tischrede nach Jean-Marie Le Clézio

Sprechen und Kochen als ästhetisch-künstlerische Praxis. Eine Passion der Macht, erst später wird Zurückgegessen …und das bis zum Denken.

Ein Beitrag zu der Frage: Wie macht man weiter, wenn einem alles fehlt und einem alles zuviel ist? - Umwandlung, Verwandlung, Umstimmung wie sie in der ästhetischen Erfahrung möglich erscheint, beruht ja auf der Annahme, wonach aus der Unmöglichkeit einer Sache ihre Möglichkeit folgt. Eine Metamorphose, dank welcher Dieses in Jenem erscheint. Sobald man in solchen Paradoxien das Phänomen Kunst wahrnimmt, erscheint es um vieles weniger widersprüchlich. Es lässt erkennen, dass in jeder künstlerisch gemeinten Handlungsweise ein unverzichtbar asketischer Faktor am Werk ist, der eine erste Annäherung an das Unmögliche bedeutet. Hat man diese verspürt, folgt das Sich-transzendieren in diesen Raum des möglichen Unmöglichen, wo die asketische Tatsache zu finden ist: dass es die Hauptsache im Leben und in der Kunst sei, das Alltägliche und die Nebensachen ernst zu nehmen. Wo die Banalitäten, die Gewohnheiten, die Nebensachen erstarken, wird die Gefahr, die von der Hauptsache ausgeht, gezügelt. Im Nebensächlichen, erstarkt als Kunst, höher steigen heißt dann in der Hauptsache vorankommen. Kunst transzendiert sich dadurch zurück in die „Hauptsache Kunst“, die sich dann, der Notwendigkeit der Lebensführung ins Gegenüber gestellt, sich wiederholend in eine Nebensache rückverwandelt, während das Leben die Hauptsache bildet. Die Lebensführung avanciert so zum Gegenstand der künstlerischästhetischen Bemühungen. Eine solche Zwischenheit von Gegensätzlichem, diese -konfuse Mitte-, bewirkt die Wiederkehr des Unverstandenen.

Essen und Sprechen

Aus solchem Nicht-Verstehen heraus kann sich eine Metamorphose (des Positivisten) vollziehen: Die Seite des Nicht-Könnens, weil die eigene Grundstimmung es so vorgibt, gegen die Seite des Könnens zu verwandeln. Die asketische Seite des Mangelleidens (Hungerkünstler) gegen die Seite des genießenden Bejahers zu tauschen, damit sich eine Könnensform aus dem Zwischenraum des Gegenteiligen bilden kann. Mit dieser Entdeckung, dass sogar das Sich-voll-stopfen und genießen gegenüber dem Sich-leer-machen und leiden, kunstfähig ist, stellt es einen Beitrag aus dem Reservoir der nicht-deklarierten Askesen dar: Die Übersetzung einer profanen Genuß-Stimmung in den spirituellen Habitus. Es bedarf lediglich der Ausführung als gültige Entdeckung. Zuerst erfindet man, und dann entdeckt man, was die Erfindungen so alles mit sich bringen. Die übliche Annahme dabei ist, dass man nur das ent-decken kann, was bereits irgendwo da ist und lediglich mit einer Decke oder einem Schleier dem Blick verdeckt ist, und die man nur wegzuziehen braucht. Ein solches Wegziehen ist auch ohne Es-verstanden-zu-haben durch die Bewegung der Aufmerksamkeit zu machen.

Essen und Sprechen

Menüfolge

TagSpeisen
Tag 1Speckdattel auf Frischkäse mit Sardelle
  1. Salat mit gebratenem Spargel
  2. Maispoulardenbrust mit Artischockenherzen, Champignons und Ofenkartoffeln
  3. Maronencreme mit Balsamicoerdbeeren
Tag 2Wermuth mit Kräutersirup
Gebratenes Foies Gras mit Rhabarber und Brioche
  1. Möhren-Ingwercremesuppe
  2. Saibling auf Linsen-Gurkengemüse
  3. Warmes Schokoladentörtchen mit Nektarinenragout
Tag 3Sprizz Aperol mit Champagner
Crostini mit Avocadocreme
  1. Tomatensalat Tricolore
  2. Brennesselstradette mit Erbsen, dicken Bohnen und Parmesan
  3. Maracujatorte mit weißer Schokolade
Tag 4Erbsencremesüppchen mit Creme fraiche
  1. Salat mit Zucchini, Apfel und Pflaumendressing
  2. Risotto mit Avocado, Tomate und Chorizo
  3. Warmer Ziegenkäse mit Apfelsenfsauce

 

Annelie Käsmayr

Annelie Käsmayr

Jan-Philipp Iwersen

Jan-Philipp Iwersen

Initiatorin und Leiterin dieser Veranstaltung: Anneli Käsmayr, die zusammen mit dem Chefkoch „dreijahre“ Jan-Philipp Iwersen und vier weiteren Helfern aus dem Team „dreijahre“ das Kochen besorgte.